Linearität und Dummheit...

Wenn ich mir die aktuellen Zahlen der COVID-Infektionen auf https://info.gesundheitsministerium.at/ so ansehe, dann sieht das seit zwei Tagen wie ein linearer Anstieg der Infektionen aus. Der Schritt vom exponentiellen Wachstum (jeden Tag eine noch höhere Anzahl von Neuinfektionen) auf einen linearen Anstieg (die Anzahl der Neuinfektionen bleibt jeden Tag in etwa gleich hoch) wäre ein erster wichtiger Schritt in Richtung Kontrolle dieser Pandemie. Die nächsten Tage bleiben spannend. 

Und das trotz Mitmenschen, die immer noch keine Ahnung zu haben scheinen, wie man sich aktuell (nicht) verhalten sollte. Wenn Kunden beim M-Preis beim Versuch, die kleinen Säckchen in der Obstabteilung zu öffnen, den Finger im Mund befeuchten, und in der gleichen Obstabteilung einzelne Äpfel in die Hand nehmen - und dann wieder zurücklegen. Fazit: bitte Obst immer gut waschen! 

Leider hat es wieder mehrere Kollegen erwischt, welche nach Kontakt mit (nachträglich) positiv getesteten Patienten in Quarantäne und die Praxis 14 Tage zusperren müssen. Somit fallen zunehmend mehr Ordinationen bei der Versorgung der Bevölkerung aus. 

Da sich in unserer Praxis der größte Ansturm auf Rezepte im Laufe der Woche gelegt hat und die Patientenzahlen nun deutlich zurückgehen, werden wir nunmehr auf einen "Zweischicht-Betrieb" umstellen. Eine Woche meine Kollegin und Vertretungsärztin Dr. Feuerstein mit einer Assistentin, eine Woche ich mit der anderen Assistentin. Im Falle einer Infektion mit Quarantäne sollte so immer ein Team bei uns einsatzfähig bleiben. In meiner "freien" Woche mache ich Sprengeldienst, Nachtdienst auf 141 und am Nachmittag telefonische Auskünfte. Und werde die Zeit mit meiner Familie genießen!

 

COVID versus Influenza

Zuerst einmal bin ich beeindruckt vom Interesse an meinem Blog. Alleine gestern haben über 150 Menschen mitgelesen.

Bin auf diepresse.com auf folgenden Artikel gestossen: https://www.diepresse.com/5787776/die-dunkelziffer-des-coronavirus . Hier wird die Sterblichkeit unter allen Infizierten (nicht nur unter den positiv Getesteten!) mit 0,12 berechnet - gar nicht so weit weg von den von mir errechneten 0,15. Und die Influenza? Deren Sterblichkeit wird meistens mit 0,1 angegeben.

Inzwischen haben mich schon viele gefragt, warum wir bei COVID so einen Zirkus machen. Ist ja nur eine bessere Influenza!

Ich denke, dass die Antwort in der Anzahl der Infektionen liegt.

Auch die Influenza schickt jährlich ein paar tausend Österreicher auf die Intensivstation, und auch an der Influenza sterben viele. Die aktuellen Zahlen für Österreich liegen bei etwa 700 Tote pro Jahr, in den letzten Jahren wurden zwischen 1500 und 2500 Tote pro Jahr kolportiert. Ein Problem dabei ist, dass die Zahlen sehr ungenau weil bessere Schätzungen sind.

Der größte Unterschied liegt vermutlich in der Anzahl der Infektionen. Ein COVID-Infizierter steckt im Moment etwa drei gesunde Menschen an. Im ungünstigsten Fall kann das wie im letzten Blogbeitrag beschrieben unser Gesundheitssystem - wie in Italien - zum Einsturz bringen und es sterben dreimal so viele Menschen wie bei einer funktionierenden Struktur.

Ein Influenza-Infizierter steckt nach meinem Wissen etwa 2 gesunde Patienten an. Die Ausbreitung läuft somit langsamer ab als bei COVID, es gibt wesentlich weniger Kranke in kürzester Zeit.

Grob vereinfacht dargestellt schaut das so aus:

Influenza: 1x2=2; 2x2=4; 4x2=8; 8x2=16; 16x2=32; 32x2=64;...

COVID: 1x3=3; 3x3=9; 9x3=27; 27x3=81; 81x3=243; 243x3=729;...

Nicht zu unterschätzen denke ich ist auch der Effekt der Influenza Impfung: jeder Influenza-Geimpfte unterbricht die Infektionskette. In Österreich lassen sich jedes Jahr (leider nur) 10% der Bevölkerung Grippe impfen. Aber auch diese 10% Immunität in der Bevölkerung verlangsamen die Ausbreitung zusätzlich. Und natürlich werden bevorzugt Risikogruppen für einen schweren Verlauf, zum Beispiel Bewohner von Pflegewohnheimen und Menschen mit Vorerkrankungen geimpft. Und auch vermehrt Ärzte und Pflegepersonal als potentielle Verteiler. Und der letzte Unterschied ist, dass die Influenza sich mit Beginn der warmen Jahreszeit zurückzieht, um im Spätherbst wieder zurückzukehren.

Zusammenfassen heißt das, dass für den einzelnen (gesunden) Menschen eine COVID-Infektion nicht wesentlich gefährlicher ist als eine Influenza Infektion. Aber nur, so lange unser Gesundheitssystem das Ganze bewältigen kann - ansonsten wird es hässlich. Also, dahoam bleibn! 

Sterblichkeit

Soeben habe ich einen Artikel gelesen, wo wieder über die zu erwartende Anzahl von Corona-Toten in Österreich spekuliert wurde. Hier einmal meine ganz private Meinung zu diesem Thema:

Deutschland hatte lt WHO gestern 7165 Infektionen mit 12 Toten, macht 0,17%

Italien hatte lt WHO gestern 35533 Infektionen mit 4070 Toten, macht 11,4%

Sterben in Italien wirklich 69 mal so viele Menschen wie in Deutschland an COVID-19? Die wichtigsten Erklärungen für diesen Unterschied bieten meines Erachtens die Dunkelziffer der Infizierten - und der Zusammenbruch der italienischen medizinischen Versorgung. Wenn ich mit einem Test alle Personen erfasse, die sich infiziert haben - auch wenn sie kaum Symptome haben - so werde ich eine eher niedrige Sterblichkeit errechnen (Deutschland). Wenn ich aber nur noch die Personen teste, die bereits schwer erkrankt sind - werden mehr von diesen sterben (Italien). 

Gehen wir nun einmal zu dem Punkt, wann eine Epidemie von selber aufhört: Am Beginn infiziert ein COVID-19 Erkrankter im Schnitt 2-3 gesunde Menschen. Erst wenn ein Infizierter weniger wie einen gesunden Menschen ansteckt, gehen die Infektionszahlen zurück. So wie im Moment in China. Epidemiologen gehen davon aus, dass - je nach Geschwindigkeit der Ausbreitung, somit je nach Effizienz der Maßnahmen - 30% bis 60% der Bevölkerung infiziert sein müssen, damit eine ausreichende "Herdenimmunität" vorhanden ist, um die weitere Ausbreitung zu einzudämmen.

In China stagniert nun in einem Gebiet mit ca. 11.000.000 Einwohner die Zahl der Neuinfektionen. Wir dürfen annehmen, dass - trotz der rigorosen Maßnahmen der chinesischen Regierung - mindestens (!) 20% (eher 30%) der Menschen dort eine Immunität entwickelt haben, somit infiziert waren. Laut offizieller Statistik gibt es aber nur etwas über 81.000 positiv getestete, von denen offiziell etwas über 3000 verstorben sind. Wir haben somit den Widerspruch, dass zumindest über 2.200.000 Bewohner immun sein müssten, aber nur 81.000 Erkrankte positiv getestet wurden. Die Dunkelziffer der infizierten Personen würde in diesem Fall bei etwa 96% liegen! Die Sterblichkeit unter den 81.000 nachgewiesenen Erkrankten liegt offiziell bei etwas über 3% aller positiv getesteten, wenn ich die 3000 Todesfälle auf 2.200.000 Infektionen rechne aber nur bei 0,15% aller Infektionen. Wir nähern uns langsam dem Bereich, in dem die Sterblichkeit aktuell in Deutschland liegt. Die Sterblichkeit lag übrigens zu Beginn in Italien etwa auf dem Niveau von China - und ist nun leider aufgrund des völlig dekompensierten Gesundheitssystems etwa auf das 3-fache angewachsen. 

Ich wage jetzt eine GANZ PRIVATE Prognose: ich rechne (hoffe) in Anbetracht der doch recht beachtlichen Maßnahmen in Österreich mit einer Infektionsrate von etwa 30%, somit etwa 2,5 Mio Infektionen. Solange unser Gesundheitssystem nicht überlastet ist, gehe ich von den in China errechneten 0,15% bis schlimmstenfalls 0,3% Sterblichkeit unter allen Infektionen (nicht nur unter den positiv getesteten!) aus. Das wären somit etwa 3500 bis 7000 Todesfälle in ganz Österreich. Etwas mehr wie die (offiziellen) Zahlen in Wuhan. Schätzungsweise werden zumindest drei mal so viele Menschen intensivmedizinische Betreuung brauchen, in Summe etwa 10.000 bis 20.000. Aufgeteilt auf die nächsten 3 Monate kann das unser Gesundheitssystem mit ganz viel Glück (gerade noch) stemmen. Auf unseren 3000 Einwohner-Ort umgerechnet würde das etwa 2-5 Tote ergeben.

Sollte uns die Infektion allerdings aufgrund der teils erstaunlichen kollektiven Dummheit von Teilen unserer Bevölkerung "überrennen", so müssen wir mit eher 60% Infektionsrate, somit gut 5 Mio Infektionen rechnen. Die Rate der intensivpflichtigen Patienten scheint wie erwähnt etwa 3 mal so hoch zu sein wie die Rate der Todesfälle bei bestmöglicher medizinischer Versorgung, also knapp 0,5% bis 1% aller Infizierten. Macht bei 5 Mio Infektionen ca. 25.000 bis 50.000 intensiv zu versorgende Menschen - und das in kürzester Zeit. Wir können davon nur einen Bruchteil mit unseren etwas über 2000 Intensivbetten in Österreich entsprechend betreuen. Somit würde ein Großteil der eigentlich intensivpflichtigen Patienten (bis zu 50.000 Menschen!) versterben. Italien ist am besten Weg dahin - mit fast 500 Toten in der Nacht von gestern auf heute. Auf unseren Ort umgerechnet bedeutet das etwa 10 bis 20 tote Menschen. 

Fazit: seid´s bitte vernünftig und bleibt zuhause!

DANKE!

Ein Spender aus Axams hat 5 FFP 2 Masken bei uns deponiert, welche sofort in unser Wohnheim gehen.

Morgen hat ein Bewohner aus dem Pflegeheim nach einer OP mit Intensivaufenthalt vor 2 Wochen eine Kontrolle an der Klinik. Das Wohnheim kann damit diesen Patienten für die Fahrt von und zur Klinik sowie die Kontrolle dort mit einer Maske versorgen. Eine COVID-Infektion würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben. DANKE!

Quarantäne

Also, wir stehen seit heute 0.00 - wie auch alle anderen Gemeinden Tirols - unter Quarantäne. Ich glaube, es gibt Schlimmeres, als in unserer wunderschönen Gegend bleiben zu müssen.

Jeder, der zur Arbeit muss, darf seine Gemeinde verlassen, natürlich auch jeder, der einen Arzt braucht. 

Schutzausrüstung

Im Moment ist das Thema des Tages: Schutzausrüstung. Wir haben in der Praxis noch einiges an FFP2 (Danke an die Fa. Fairmed!) und ein paar wenige FFP3 Masken für uns drei Ärzte und das restliche Personal lagernd. Allerdings gehen uns bald die einfachen Masken für die Patienten aus. Unseren Sozialsprengel habe ich mit 10 FFP2 und 10 einfachen Patientenmasken vorerst notdürftig versorgt, unser Wohnheim hat derzeit keine einzige Maske für Personal oder Patienten.

Meine Kollegen, mit denen ich in Kontakt stehe, haben mittlerweile begonnen, über Facebook die Bevölkerung zu informieren, was wir benötigen. Ich habe somit nach knapp 2 Jahren Facebook-Abstinenz einen neuen Account angelegt und auch einen Aufruf gestartet. Es ist umwerfend - nach ein paar Stunden gibt es bereits erste Angebote! Parallel dazu gab es heute im Landessanitätsrat eine Krisensitzung, in der die Tiroler Ärztekammer versucht, für uns Schutzausrüstung vom Land zu bekommen. Im Wissen, dass die TGAM (Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin) dabei ist, für morgen einen Aufruf in der Tiroler Tageszeitung zu veröffentlichen mit der Bitte an Firmen, uns mit Schutzkleidung zu unterstützen, kam heute Nachmittag (nach 4 Wochen Kampf) die Rückmeldung von der Ärztekammer, dass wir nun doch auch vom Land Tirol Schutzausrüstung bekommen sollten. Ich lass mich mal überraschen...