AstraZeneca – Quo vadis?

Blog: AstraZeneca – Quo vadis?

Letzte Aktualisierung / Korrektur: 5.5.2021

Nachdem vor gut 2 Wochen eine Patientin von mir nach einer COVID-Impfung mit AstraZeneca eine Sinusvenenthrombose mit Gerinnungsstörung hatte und auf die neurologische Intensivstation der Klinik Innsbruck aufgenommen wurde, gingen die Wogen kurz hoch. Mein Twitter-Post wurde ungefragt von oe24.at, Heute und dem Kurier übernommen – was mich schon ziemlich erstaunt hat. Im Gegenzug wurde im darauffolgenden ORF Interview meine Aussage, dass ich bei jungen Frauen sehr wohl „Bauchweh“ im Bezug auf eine COVID-Impfung mit AstraZeneca habe, herausgeschnitten.

Die EMA (Europäische Zulassungsbehörde) hat schlussendlich noch einmal eine Empfehlung bezüglich AstraZeneca herausgegeben, in der sie auf das Risiko einer Thrombopenie (erniedrigte Zahl an Blutplättchen) vergesellschaftet mit einer Thrombose bzw. Embolie (Blutgerinnsel) hinweist. (Klarstellung: wir sprechen hier NICHT über die banale Thrombose / Lungenembolie!) Ein zu vermutender Zusammenhang zur Impfung mit AstraZeneca wird – wie von mir in meinem letzten Blog über die Mechanismen bereits vermutet – bestätigt. Die letztendliche Entscheidung, ob und für wen dieser Impfstoff schlussendlich verwendet wird, wurde den einzelnen europäischen Staaten überlassen. Deutschland hat die Anwendung für unter 60 jährige untersagt, Dänemark hat AstraZeneca vom Markt genommen. Und Österreich? Österreich sieht in der „Nicht-Entscheidung“ der EMA offensichtlich den Freibrief zum Weiterimpfen.

Wie sieht es nun tatsächlich anhand der von der EMA publizierten Zahlen aus? (https://www.ema.europa.eu/en/documents/chmp-annex/annex-vaxzevria-art53-visual-risk-contextualisation_en.pdf)

In Summe ist für jedes Medikament und für jede Impfung abzuwägen, ob das Risiko den Nutzen eindeutig und deutlich übersteigt. Um hier eine Entscheidung treffen zu können, müssen wir uns zuerst einmal das Risiko ansehen, mit dem COVID für die jeweilige Bevölkerungsgruppe verbunden ist. Dieses Risiko ändert sich mit dem Alter, den Vorerkrankungen, mit dem Geschlecht, aber auch mit der Wahrscheinlichkeit, COVID zu bekommen. Also mit der Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen pro 100.000 Fälle).

Wenn ich eine Inzidenz von 400 / 100.000 pro Monat annehme, so ist zu erwarten, dass in der Gruppe der 20-29 jährigen 37 von 100.000 Menschen einen Krankenhausaufenthalt brauchen und 3 davon eine Intensivstation benötigen.

Wenn die Inzidenz sinkt auf 50 / 100.000 pro Monat (=12 in 7 Tagen), dann sind in der Gruppe der 20-29 jährigen 4 Krankenhausaufnahmen pro 100.000 Personen, aber keine einzige Aufnahme auf eine Intensivstation zu erwarten.

Anders sieht es in der Gruppe der z.B. 70-79 jährigen aus. Bereits bei einer sehr geringen Inzidenz von 50 / 100.000 pro Monat ist mit 45 Krankenhausaufnahmen / 100.000 Menschen und mit 6 Intensivaufenthalten zu rechnen, bei einer Inzidenz von 400 / 100.000 pro Monat sind es 278 Krankenhausaufenthalte und 39 Intensivpatienten.

Diese Zahlen sind nun zu den Risiken der Impfung in Relation zu setzten. Im konkreten Fall mit dem Risiko für eine Thrombopenie vergesellschaftet mit einer Thrombose bzw. Embolie. Dieses Risiko liegt in der Gruppe der 20-50 Jährigen in etwa bei 2 von 100.000 geimpften Personen und sinkt dann ab bis auf 0,5 / 100.000 bei den über 70 Jährigen.

Noch nicht einkalkuliert bei diesen Zahlen ist die Verteilung des Risikos nach Geschlecht: auch wenn es im Moment noch keine offiziellen Zahlen dazu gibt, so scheint sich ein Verhältnis von 2:1 herauszukristallisieren. Frauen sind in etwa doppelt so oft betroffen wie Männer.

FAZIT:

Ich habe keinerlei Probleme damit, ältere Menschen, insbesondere Männer, mit AstraZeneca gegen COVID zu impfen. Ein doch recht hohes Risiko, an COVID ernsthaft zu erkranken, steht einem sehr geringen (1:200.000) Risiko einer Thrombopenie mit Thrombose/Embolie gegenüber.

Anders sieht das Ganze bei jüngeren, weiblichen Patienten aus: Das Risiko für eine schwere Komplikation liegt laut EMA bei 2 / 100.000. Wenn ich die zu erwartende Verteilung nach Geschlecht mit einberechne vermutlich sogar eher bei 3 / 100.000. Auf der anderen Seite der Waage ist ein Risiko von 3-5 bei den 0 bis 39 jährigen, bei einer Inzidenz von 400 / 100.000 pro Monat (400:4,3 = 93 = 7-Tagesinzidenz, derzeit in Österreich 147, Stand 3.5.) einen schweren Verlauf mit Intensivstation zu erleiden. Und von 0 / 100.000, wenn die Inzidenz von COVID auf 50 / 100.000 sinkt.

Ich kann somit das österreichische Vorgehen, auch bei sinkenden Inzidenzen weiterhin mit AstraZeneca uneingeschränkt auch junge Frauen (Kindergartenpädagoginnen, Lehrerinnen) zu impfen, nicht nachvollziehen.