Maskenpflicht und andere Neuigkeiten

Ab Morgen haben wir also in unseren Supermärkten generelle Schutzmaskenpflicht. Ich finde diese Maßnahme sehr vernünftig, um die Verteilung von COVID 19 weiter einzudämmen. Eine einfache Maske schützt zwar ihren Träger kaum, hilft aber den Mitmenschen.

Stand an Infektionen heute morgen: 9618. Wir werden heute die 10.000er Marke erreichen. Der tägliche Anstieg an nachgewiesenen Neuinfektionen ist nun im einstelligen Bereich - allerdings kommen täglich neue schwerst erkrankte Menschen und Tote dazu. Wir haben über 100 Verstorbene, somit etwas über 1% Sterblichkeit unter den nachgewiesenen Infektionen. Immer noch die große Unbekannte: die Dunkelziffer! In den verschiedenen Zeitungen wurde gestern über eine Dunkelziffer vom 5 bis zum über 20 fachen geschrieben. Ich würde anhand der bisher Verstorbenen vom knapp 10-fachen ausgehen, somit von etwas unter 100.000 Infektionen insgesamt in Österreich.

Von der sogenannten Herdenimmunität - für die wir mindestens 4 bis 5 Millionen Menschen mit abgelaufenen Infektionen brauchen - sind wir damit noch meilenweit entfernt. Es werden mindestens 30 bis 60 mal so viele Menschen an COVID-19 erkranken müssen, damit die Epidemie endet. Es werden mindestens 30 bis 60 mal so viele Menschen schwer erkranken - und unser Gesundheitssystem in den nächsten Wochen an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Es werden mindestens 30 mal so viele Menschen wie bisher an COVID-19 sterben, somit zumindest die von mir prognostizierten 3.000 (Siehe Sterblichkeit).

Ausgehend von (mindestens) 10.000 Erkrankten, die beatmet werden müssen und von im Moment gut 1000 freien Beatmungsplätzen in Österreichs Krankenhäusern (der Rest ist ja von Menschen mit anderen Erkrankungen belegt!) müssen sich die Patienten zeitlich gut verteilen. Bei angenommenen 10 Tagen Beatmungstagen im Durchschnitt pro Patient wären das 10.000 Patienten x 10 Beatmungstage / 1000 Beatmungsgeräte = ein Zeitraum von 100 Tagen. Wir müssen den zeitlichen Verlauf der Erkrankungen mit allen uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen auf die zumindest nächsten drei Monate - April bis Juni - hinauszögern! Sonst wird es hässlich, so wie im Moment in einem Krankenhaus in Frankreich: ab 80 Jahren prinzipiell keine Beatmung mehr, nur noch Morphium.

Somit wiederhole ich meine Bitte: Seid vernünftig! Bleibt zu Hause und verwendet beim Einkaufen Masken. Und stellt Euch darauf ein, dass das Leben bis in den Sommer hinein nicht so wird, wie wir es gewohnt sind. Langsam glaube ich nicht mehr, dass unsere Kinder vor Sommer noch zur Schule gehen, und auch meinen Anfang Juli gebuchten Sommerurlaub habe ich schon ein bisschen abgeschrieben...

update

Im Moment läuft es bei uns in Österreich recht gut. Die neuesten Statistiken zeigen einen ständigen Rückgang beim prozentualen Anstieg der Neuinfektionen. Waren es vor 2 Wochen noch 33% Neuinfektionen pro Tag, so hat sich das in den letzten Tagen auf 18%, vorgestern 14% und gestern 10% verringert. Das Ziel der Regierung - ein einstelliger prozentueller Zuwachst bis Ostern - scheint in greifbarer Nähe.

In absoluten Zahlen bedeutet das aber trotzdem, dass es täglich über 800 (bald über 1000) nachgewiesene Neuinfektionen gibt. Wir stehen heute morgen laut Homepage des Gesundheitsministeriums bei knapp 8300 positiv getesteten Personen. Der Gipfel der Epidemie wird laut Gesundheitsministerium in etwa 4 (+/-2) Wochen erreicht sein, meiner Schätzung nach bei etwa 30.000 bis 50.000 positiven Tests. Die große Unbekannte ist natürlich die Dunkelziffer der Infizierten! 

Laut Homepage Sozialministerium liegen im Moment 174 COVID-Patienten auf Österreichs Intensivstationen, 73 Menschen sind bisher offiziell an COVID-19 verstorben. Die Sterblichkeit unter allen positiv Getesteten liegt somit bei 0,88%. Besser als wir ist nur noch Deutschland. Die Sterblichkeit in Italien und Spanien ist gut 10 mal so hoch!

Zusammenfassend bedeutet das: im Moment sind unsere medizinischen Ressourcen mehr wie ausreichend, unsere Sterblichkeitsraten sind extrem gering, aber in den nächsten Wochen werden auch wir im Gesundheitssystem an die Grenzen unserer Möglichkeiten stoßen!

Wenn wir aber so weitermachen und vernünftig bleiben (Ausnahmen bestätigen leider die Regel), besteht wirklich die Möglichkeit, dass wir in Österreich mit einem "blauen Auge" davonkommen. Die Einschränkungen in unserem täglichen Leben - und auch für unsere Wirtschaft - werden uns die nächsten Wochen aber noch weiter begleiten. Jedenfalls ist es in Zeiten wie diesen definitiv am Gesündesten, in Deutschland oder Österreich leben zu dürfen!

Es geht weiter...

Stand in Österreich, 26.03.2020, 15:00 Uhr
Bisher durchgeführte Testungen: 35.995 

Bestätigte Fälle: 6.398
Todesfälle: 49

(Quelle: Sozialministerium)

Die Zahl der positiv Getesteten wird heute die 7000er Marke sprengen. Unsere Krankenhäuser sind nach Auskunft von befreundeten Ärzten weitgehend vorbereitet - bis auf gelegentliche Probleme mit den Schutzmasken. Zams hat seine maximale Kapazität mittlerweile erwartungsgemäß erreicht, aufgrund der bemerkenswerten Mitarbeit der lokalen niedergelassenen Ärzte funktioniert die medizinische Versorgung in dieser Region aber noch recht gut. ( https://tirol.orf.at/stories/3041028 )

Unser Bundeskanzler hat vermutlich meinen letzten Blogeintrag gelesen und gestern verkündet, dass wir auch nach Ostern nicht mit unserer gewohnten Normalität rechnen können ;-) .

Scherz beiseite. Wir hatten gestern eine kleine Schrecksekunde in der Praxis: meine Turnusärztin fühlte sich krank und klagte über Druck in der Brust beim Atmen. Typische Symptome für COVID-19. Wir brauchten einen Test. Wenn sie positiv wäre, müssten wir die Praxis zusperren - Quarantäne! Bei einer Testung über den regulären Weg (1450) über die Virologie Innsbruck wartet man im Moment einige Tage, da die Virologie in Innsbruck weit über 1000 Tests im Rückstand ist. Wir haben aber Wochenenddienst. Wenn ich zusperre, gibt es am Wochenende keine medizinische Versorgung, wenn ich die Praxis öffne, und die halbe Mannschaft wäre positiv ... dann sind wir der größte Infektionsherd im Ort!

Anruf bei einem privaten mikrobiologischen Labor, welches im Auftrag des Landes PCR-Tests auf COVID-19 macht. Antwort: Tests bei medizinischem Personal am selben Tag sind laut Land Tirol möglich. Aber nur, wenn von der zuständigen Bezirkshauptmannschaft in Auftrag gegeben. Somit Anruf bei der BH Innsbruck. Kein Arzt erreichbar. Anruf bei einer befreundeten Ärztin, die im Moment in der BH Innsbruck aushilft. Ich erhalte die Auskunft, dass nicht die für meine Ordination zuständige BH den Test in Auftrag geben darf, sondern das aufgrund des Wohnortes meiner Turnusärztin zuständige Magistrat der Stadt Innsbruck. Anruf am Magistrat: "derzeit nur Notbesetzung...". Nach insgesamt einer Stunde am Telefon hatte ich schlussendlich grünes Licht für den Test am selben Tag. Am Abend dann der alles entscheidende Anruf aus dem Labor: alles in Ordnung, der Test ist negativ. Unsere Ordination bleibt offen!

Am Vormittag durfte ich dann noch am Bauhof der Stadt Innsbruck meine Bestellung an Schutzbekleidung vom Land Tirol abholen. Bestellt habe ich für uns drei Ärzte 20 FFP3 Masken, 200 FFP 1 Masken für Patienten, 5 Packungen Handschuhe. In der Schachtel waren 2 FFP3 Masken, 50 FFP2 Masken und eine Packung Handschuhe...

aktuelle Entwicklung

Eigentlich entwickeln sich die COVID-19 Zahlen im Moment österreichweit nicht so schlecht. Ein exponentielles Anwachsen der Fallzahlen konnte bundesweit bisher weitgehend verhindert werden. In unserem Ort ist der offizielle Stand bei 3100 Einwohnern immer noch ein COVID-19 positiver Patient in Quarantäne, dem es gut geht. Keine Neuerkrankung. In Summe sind in Österreich im Moment etwas über 5000 positive Fälle bekannt, 28 Todesfälle. Die Sterblichkeit liegt somit bei 0,5% aller bekannten Fälle, die Gesamtzahl aller Infizierten wird sich einschließlich Dunkelziffer nach meiner Schätzung irgendwo zwischen 15.000 und 20.000 bewegen. Italien hatte nach den ersten 5000 bestätigten Fällen bereits über 3% bzw. über 150 Tote.

Der absolute österreichische Krisenherd aber ist Landeck. In einem Bezirk mit 43.000 Einwohner gibt es über 400 positiv getestete Personen. Im Rest von Österreich verteilen sich heute 4600 nachgewiesene Infektionen auf 8,5 Millionen Einwohner. Somit wurde in Landeck 1% der Bevölkerung positiv getestet, 0,06% im Rest von Österreich. Bei 1% nachgewiesenen Infektionen ist naturgemäß mit einer deutlich höheren Dunkelziffer zu rechnen als bei 0,06% im restlichen Österreich. Angenommen, die Dunkelziffer liegt im Bezirk Landeck (wie ich vermute) beim 5 bis eher 10-fachen und nicht beim 3-fachen der positiv getesteten Fälle, dann hätte ich dort 2000 bis eher 4000 infizierte Menschen (an dieser Stelle kurz ein herzliches vergelt's Gott an die Verantwortlichen des Landes Tirol!). Dann wären nach meinen Schätzungen 10 bis eher 20 beatmungspflichtige Patienten und 3-6 Tote zu erwarten. Stand heute: 19 COVID-Intensivpatienten in Tirol.

Aufgrund der hohen Dunkelziffer - somit fehlenden Quarantänemaßnahmen bei einzelnen infizierten Personen - ist in diesem Gebiet von einer weiteren, mittlerweile kaum kontrollierbaren Zunahme der Infektionen auszugehen - und das KH Zams beginnt erwartungsgemäß nach Berichten von Ärzten langsam an seine Kapazitätsgrenzen zu stoßen.

Ich bin neugierig (und skeptisch), ob sich diese Entwicklung in Landeck in absehbarer Zeit eindämmen lässt. Unabdingbar - wenn auch unmenschlich - ist es, diese Region bis auf weiteres bestmöglich abzuriegeln. Jedenfalls bin ich bei diesen lokalen Entwicklungen immens dankbar für die aktuellen Quarantänemaßnahmen für jede Gemeinde.

 

Es funktioniert - und nun ?

Laut den Zahlen auf info@gesundheitsministerium.at scheinen die Maßnahmen in Österreich zu funktionieren!

Die Zeit, in der sich die Infektionen verdoppeln, beginnt zu sinken. Die Anzahl der nachgewiesenen Neuinfektionen liegt bei einem zunehmenden Ausbau der Testkapazitäten bei etwa 300 bis 400 Fälle pro Tag. Wir haben in Österreich bei im Moment etwas über 3500 Infektionen 16 Tote und 15 Patienten in intensiv-medizinischer Betreuung. Die Sterblichkeit liegt bei 0,45% aller positiv getesteten Fälle. Nach meiner Theorie, dass die Sterblichkeit bei 0,15% aller Infektionen liegt, würde das eine Dunkelziffer von etwa noch einmal dem Doppelten ergeben, d.h. in Summe gut 10.000 Infektionen in Österreich. In unserem Ort haben wir im Moment überhaupt nur eine einzige nachgewiesene Infektion. 

So weit so gut. Allerdings gibt es ein Problem: Bis zum Erreichen einer Herdenimmunität in unserer Bevölkerung würden bei der aktuellen Zahl an  Neuinfektionen Jahre vergehen. Wir können aber nicht ewig so weitermachen! Wir können nicht über Jahre die Schulen schließen, unsere Bevölkerung in Quarantäne stecken und die Wirtschaft aushungern. Irgendwann muss sich das Leben wieder normalisieren. Und auch wenn es uns gelingt, das Virus in Österreich ganz auszurotten - was unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist - so können wir nicht bis zur Markteinführung einer wirksamen Impfung alle unsere Grenzen dicht machen und alle Flüge aus dem Ausland verbieten.

Ich habe selber keine Ahnung, wie das nun genau weitergehen wird. Vermutlich werden wir bis Anfang 2021 (da würde ich persönlich mit einer Impfung rechnen) eine Art "Eiertanz" veranstalten. Langsames Aufheben der Beschränkungen, bei Aufflammen der Infektion wieder lokale Beschränkungen. Oder wir sind bis auf weiteres einfach ganz vernünftig - wie die Südkoreaner. Was ich mir aber nicht vorstellen kann: dass meine Kinder das ganze Jahr nicht mehr zu Oma und Opa dürfen. Die sterben dann zwar nicht an COVID-19, aber an Einsamkeit.

ein Plädoyer für Hausärzte

Ich habe mir heute mal überlegt, was eigentlich wäre, wenn die allgemeinmedizinische Versorgung die Struktur hätte, die die Politik in letzter Zeit immer lautstark propagiert hat:

Es gäbe nur noch vereinzelte Hausärzte in Einzelpraxen. Der Rest der medizinischen Versorgung würde über Primärversorgungszentren (PHCs) oder (Steiermark) kleine Ambulatorien laufen, in der Stadt auch vermehrt über Allgemeinmedizin-Ambulanzen in den Krankenhäusern. Die Patienten müssten dann - trotz Quarantäne - für jeden Arztbesuch den Ort verlassen. 

Auch wenn noch so viele Fälle telefonisch abgewickelt werden, so würde in den Wartezimmern dieser Groß-Strukturen immer noch ein Vielfaches an kranken Patienten sitzen und sich gegenseitig anstecken. Und wenn es eines dieser Zentren "erwischt", d.h. das Personal am Virus erkrankt und das Ambulatorium aufgrund von Quarantäne geschlossen wird, fällt die basis-medizinische Versorgung für eine ganze Region aus. Dezentrale Strukturen sind also wesentlich krisenfester.

Ich hoffe, dass nach dieser Krise die Wertschätzung für uns Hausärzte seitens der Politik ein wenig besser wird.

Noch ein kurzer Nachtrag zur Dunkelziffer der Infektionen in Italien: in einer kleinen Gemeinde namens Vo (Venetien) mit knapp 3400 Einwohnern gab es offiziell 2 COVID-Fälle. Nachdem Italien nun endlich großflächiger zu testen beginnt, wurde der ganze Ort getestet. Ergebnis: 66 positive Fälle. 33 x soviel wie bekannt. Ich befürchte, dass sich diese Dunkelziffer auf die ganze Region anwenden lässt. Somit hätte Italien statt etwa 50.000 Fälle sage und schreibe 1.500.000 Fälle - passend zur Anzahl der Verstorbenen.